Frankreich 2018

Der etwas andere HKO-Reisebericht 2018

Bonjour,

oder

Moooiiin Moooiiiin,

(Wie wir bei uns im Norden sagen)

 

Nach einer sehr, sehr langen-weiligen Busfahrt von bestimmt 100 Stunden, kam das HKO in Breisach am Rhein an. Es wurde sofort eine qualitative und äußerst konzentrierte Probe abgehalten, wobei das saunamäßige Klima im Zusammenspiel mit der schlaflosen Nacht die Produktivität erheblich förderte.

Den ganzen Tag wurde lustig geprobt, bis die Körper nur so sprudelten, die Instrumente aufweichten und die Finger keinen Halt mehr auf den geölten Seiten fanden... „was ein Reinfall“ ... sage und schreibe, fielen wir in den Rhein rein, welcher uns eine coole Abkühlung verpasste.

Während der wiederum äußerst verschwitzten Probenarbeit am Sonntagmorgen wurde allen, ganz besonders aber den Celli, des Öfteren klar gemacht, dass dies eine Konzertreise unter dem Motto „der Schönheit und nicht der Brutalität“ sei.

Das HKO bewies seine Liebe zur Musik und zu diesem Motto, wie auch den endlosen Hunger nach Probenarbeit und Perfektion während der darauffolgenden Busfahrt zur ersten Konzertlocation in Eichstetten. Alle Stücke wurden noch einmal stimmhaft polyfon durchgeprobt, wobei es an disharmonischer Clusterbildung nicht mangelte.

Nach einem wunderbaren Konzert in einer evangelischen Kirche, welches wir der dortigen Orgelerhaltung widmeten, endete die musikalische Kreativität noch lange nicht. Sie begann erst richtig. So ehrte das Orchester Hajo und Sabine mit eigens für den Zweck genial komponierten und spontan ausgedachten „Hajo und Sabine Liedern“.

(In Hinsicht auf die Melodie ist sich die Gema noch nicht einig. Ist es eine Kopie? Eins steht jedoch fest: es ist U-Musik, sog. Unterhaltungsmusik.) 100% Unterhaltung, 100% HKO (auf jeden Fall der Text und die Stimmung):

 

Hajo, Hajo, Hajo, Hajo, Hajo, 

eine Brille, eine Geige,

ja das ist ein Hajo Jobs.

 

Hajo, Hajo, Hajo, Hajo, Hajo, 

schwarzer Kaffee, Salz und Pfeffer,

ja das ist ein Hajo Jobs.

 

Hajo, Hajo, Hajo, Hajo, Hajo,

roter Taktstock, rotes Auto,

ja das ist ein Hajo Jobs.

 

Bienchen Bienchen, Bienchen, Bienchen, Bienchen, 

großer Fächer, blaues Kopftuch,

ja das ist ein Sabienchen.

 

Bienchen, Bienchen, Bienchen, Bienchen, Bienchen,

großes Hörnchen und ein iPhone,

ja das ist ein Sabienchen.

 

Bienchen, Bienchen, Bienchen, Bienchen, Bienchen,

letz fetz, kein Scherz, 

ja das ist ein Sabienchen.

 

Die beiden Busfahrer, die durchgehend Voll-Dampf gaben (jedenfalls mit ihren Zigaretten) und somit für ein gutes Aroma im Bus sorgten, wurden natürlich ebenso musikalisch und HKO-tisch geehrt. Die Art des Zelebrierens kippte vielleicht wieder etwas zurück in Richtung Brutalität. Aber nach purer zweistündiger Schönheit während des Konzerts war das erlaubt.

Irgendwann später ging es dann endlich über den Rhein nach Frankreich rein. Nach einer viel zu kurzen Busfahrt landeten wir in Colmar.

Zu der Jugendherberge: Gefängnis mit der Absicht Leute fernzuhalten. So kam keiner den ganzen Tag in das Gebäude herein und nachts ebenso wenig. Vor allem wenn der einzige Schlüsselwärter, ein Dirigent („keine Namen, keine Beträge“) sich dann doch plötzlich entscheidet, um zehn schlafen zu gehen. Man wollte rein, aber dann auch ganz schnell wieder raus.  Der Zwang draußen zu sein wurde jedoch kräftig genutzt. Tagsüber: zum Proben und um in das Schwimmbad zu gehen. In Frankreich gilt Kurzehosenpflicht für Freibäder, so mussten viele Jungs nackt baden, oder sich eine lange Badestrumpfhose für nur 1000€ kaufen. Vielen war das dann doch zu viel des Guten und sie gingen zu einem wunderschönen Strand an einem Stausee. Dort integrierten wir uns kräftig mit dem dort wohnhaften Franzosen und machten uns mit der neuen fremden Kultur vertraut. Wir spielten Volleyball auf Französisch. Nachts: zum Geburtstagfeiern und um in den Brunnen zu gehen.

Jens Dr. Zimmert hatte zu seinem Pech auf der Reise Geburtstag. Die erste Schwierigkeit hierbei war, einen Platz zum Feiern zu finden. In der Jugendanstalt durfte nur geschlafen werden und draußen gab es Nachbarn, und das nicht zu knapp. So durften wir ein paarmal umziehen, weil wir angeblich „zu laut“ waren. Als Rache schlug Sabine am nächsten Morgen vor, einfach Cincopations vor deren Fenstern zu spielen. Das konnten wir zu diesem Zeitpunkt sehr gut und haarsträubend sauber.

Jens durfte als Geburtstagsüberraschung super tolle, angenehme, spaßige und freundliche Aufgaben erledigen. Er erlebte damals den schönsten Tag seines Lebens, wovon er noch eine Woche später seinen Kindern erzählen konnte.

Die Nacht wurde außerdem gerne im Brunnen in der City von Colmar zelebriert. Dort wurde gekneipt, Strudel erzeugt, indem alle zusammen im Kreis liefen, und einfach nur geplanscht. Schnell verwandelte sich der alte Stadtbrunnen zum Lieblingsort einiger HKOten.

Es wurde auch geschlafen auf der Reise.

Aufgrund des immer länger werdenden Textes, welcher durch unnötig ausschweifender Umschreibungen der wesentlichen Dinge und einer überdöslichen Bedienung des Stilmittels „Ironie“, einfach nicht zum Punkt kommt, hier ein paar Stichpunkte und Zitate als kleines Verschnauferle:

 

  1. Die Busfahrer verfahren sich immer im Kreisverkehr und finden einfach nie mehr heraus.
  2. Beim Purcell spielen: (Sabine): „nicht nach vorne purzeln“ hahahaha.
  3. Es gab immer nur Baguette mit Mus zum Frühstück.
  4. (nach der Probe) Die Dose gehört in den Müll, (Hajo): „nee, nicht Dose“. (hierzu muss erwähnt werden, dass der sog. Fabian „Dose“ ein Orchestermitglied im Bereich „best instrument of the year 2018“ [Cello] ist).
  5. Jens wirft seine Noten über den Rücken, bevor er sein Stück dirigiert.
  6. Total schöne Konzertlocations.
  7. Total viele Konzerte.
  8. Stammkonzertbesucher (Eine Frau folgte uns durch ganz Colmar und Umgebung. Sie war bei 3 Konzerten und es hat immer Spaß gemacht, sie während der Konzerte unter all den Tausenden zu suchen. Einmal war sie zu Tränen gerührt.
  9. Wir gaben ein Konzert in einer Kirche in einem Postkarten-Dorf, das war super gut besucht. In Paris spielten wir in der „Église Saint-Germain L´Auxerrois“. Und in einem wunderschönen Kloster vor etwa 7 Zuschauern.
  10.  

Das ist einfach das Besondere an den HKO-Reisen, man kommt rum. Es wird einem die Möglichkeit geboten, in Kathedralen zu performen, die Welt spielerisch kennen zu lernen und dabei eine einmalige Stimmung erleben zu dürfen. Ob Flip-Flop-Boule vor der Orchesterbesprechung, oder „Carola“- Rufe durch Paris und Underground, Baden in allen möglichen Gewässern, Proben, Proben, Konzert, von Jens komponierte Stücke aufführen, Konzert, Konzert...selbst vor 7 Leuten...Spaß haben, aber professionell bleiben, dafür steht das HKO. (Eigentlich Abkürzung für: Holsteinisches Kammerorchester)

In Paris sahen wir uns auch die sehenswürdigen Sehenswürdigkeiten an. Dafür wurden mehrere Gruppen erstellt. Die „Zu Fuß“ Gruppe, die „Metro“ Gruppe und die „Trödler-Chiller“ Gruppe. Die letzte Gruppe verlief sich in irgendeinem Wald von Paris. Der Anführer dieser Gruppe pflegte jedoch ein hochqualifizierter Pfadfinder als Berufung zu führen und der Abend und die Moral war gerettet, als die Gruppe auf einen Dominos Pizza Laden stieß.

In Paris wohnten wir in einer hochmodernen Jugendherberge mit Solar auf dem Dach, Toilette, Billard Tisch, Croissants und Mus. Das Problem hierbei betrug sich jedoch darin, dass wir dort nicht hinkamen. Die schicke Jugendherberge lag inmitten des ärmsten Ghettoviertels von Paris versteckt.

So merkten wir lebendig, dass es eben auch Armut, Missstände, Dunkelheit, Leid, Sorgen und echte Räuber auf der Welt gibt.

Das HKO wusste sich aber zu helfen und bildete ein typisches Schwarmverhalten aus. Die starken Männer außen fassten sich an die Hände und umrahmten das gesamte Orchester. Im Kollektiv bewegte sich nun das Orchester fort. Durch die stark voluminös angewachsene Masse, verstärkt durch kräftiges Ausrufen des Kraft und Wärme spendenden Wortes „Carola“, hatten wir keine Angst und Probleme mehr.

Emil, ebenfalls ein sehr guter Cellist, hatte auch Geburtstag im Verlaufe unserer Reise. Er hatte jedoch Glück, denn es gab für ihn, nach einer ganz kurzen Wartezeit von nur 5 Stunden in einem kleinen Restaurant, extra viel Cous-Cous und eine Unterhose mit bunten Unterschriften.

Irgendwann mussten wir dann morgens in den Bus steigen und durften erst wieder auf dem Möbel-Höffner-Parkplatz in Barsbüttel auf Toilette, hierbei schwärmten alle in verschiedene Richtungen, markierten ein wenig rum und nun gehört der Parkplatz dem HKO.

„Es kann losgehen mit der Fahrt“, dachten wir uns, als wir ankamen. Wie beim Grillen, wenn die Glut perfekt ist, in dem Moment, wenn alles aufgegessen ist. Oder, nach dem Lesen eines komplett unstrukturierten Textes, man sich denkt: warum? Dann aber merkt, dass Unordnung auch mal was Schönes ist. Oder bei der Musik, wenn ein Stück nach langen Proben und Konzerten beim späteren Reflektieren erst richtig wertgeschätzt und genossen wird.

So oft im Leben wird einem erst im Nachhinein klar, wie gut es man doch hat, Croissants essen zu können und vor allem: Musik erleben zu dürfen.

Hannes Baake