Griechenland 2006

Für die Sommerreise 2006 hatte sich das Holsteinische Kammerorchester ein alt bekanntes Ziel ausgesucht: Bereits zum vierten Male ging es nach Griechenland an die peloponnesische Küste. So machten sich am 23. Juli gut 50 erwartungsvolle Reisende (größtenteils HKO-ten mit Unterstützung aus ganz Deutschland, aber auch das Norddeutsche Flötenensemble) auf den Weg in den Ort Selianitika. 

Die Hinreise war zugegebenermaßen nicht ganz unbeschwerlich. Schnell fiel auf, dass die Klimaanlage unseres Busses nicht wirklich funktionstüchtig war; vor allem in den hinteren Reihen herrschten gefühlte 50 Grad vor. Dazu kam, dass der Bus hoffnungslos überladen war: Selbst die Toilette musste tapfer herhalten und wurde mit Gepäck zugestopft. Der mehr oder weniger in der Luft hängende Bass überstand die Reise glücklicherweise unversehrt. Ab Ancona fuhren wir dann mit der Fähre bis Patras, von wo es nur noch wenige Kilometer bis zum Hellenikon Idyllion waren, dem Garten der Musen – unserem Ziel. 

Glücklicherweise hatte uns Hajo Jobs, unser Orchesterleiter und Dirigent, bereits vorgewarnt mit dem Hinweis, dass griechisch nicht nur eine Sprache, sondern vor allem eine Lebensphilosophie sei. So waren wir nur noch wenig überrascht, als wir Andreas Drekis kennen lernten, dem Paradebeispiel für die besagte Lebensart. Ich darf kurz vorstellen: Verplant bis in die Haarspitzen; so spontan, dass das Wort „Planung“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in seinem Wortschatz enthalten ist und dennoch (oder gerade deswegen) liebenswürdig. In der Tat sind die Griechen ein sehr lockeres Völkchen, das vor dem frühen Morgen nicht im Bett zu finden ist. 

Unsere Unterbringung war sehr individuell eingerichtet. Der Clubraum – sozusagen zentraler Treffpunkt – erinnerte ein wenig an Omas altes Haus. Außerdem verfügten wir über Küchen, die während des Aufenthalts kräftig genutzt wurden. Der Komfort reichte vom Internetanschluss über Waschmaschinen bis hin zum Geschirrspüler. Übernachtet wurde großteils in Doppelbetten, eine wackere Auslese wagte sich sogar nach draußen und wachte mit so manchem Mückenstich wieder auf. Das Frühstück war nicht nur spartanisch, sondern auch (Achtung Wortspiel) früh, weshalb nur wenige morgens am Tisch anzutreffen waren. Die Abendessen hingegen glichen regelrechten (Fr-) Essorgien. Neben dem obligatorischen Salat, Brot mit Zaziki und der Wassermelone zum Nachtisch reichten die Köstlichkeiten von A bis Z. 

Im Gegensatz zu den letzten Konzertreisen gaben wir dieses Jahr viele Konzerte. Unser Programm umfasste Webers Ouvertüre zu Peter Schmoll, Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen und Mozarts Oboenkonzert. Als Solisten begleiteten uns die beiden Griechen Alexandros Pappas und Anastasis Mavroudis – Musikstudenten in New York bzw. London – sowie unsere Solooboe Viola Wilmsen, Studentin in Lübeck. Im Orchester waren alle Solisten wegen ihrer Aufgeschlossenheit und lockeren Umgangsart gern gesehen. 

Aus der Auswahl der Konzertorte resultierten teilweise ganz unterschiedliche Konzerte, die einen großen Teil zum besonderen Reiz der Reise beitrugen. So unterhielt sich das Publikum in Peristera, einem Bauerndorf hoch in den Bergen, während des Konzertes mitunter recht laut; gleichzeitig wurde ein Schwein geschlachtet. Dies war allerdings weniger Ausdruck des Nichtgefallens, sondern vielmehr Ausdruck der sagenumwobenen griechischen Mentalität. 

Nach dem Konzert wurden uns einige griechische Tänze beigebracht. Andere Konzertzuschauer, wie zum Beispiel in Kifissia, einem noblen Vorort Athens, waren anspruchsvoller, sodass die Konzerte vom Drumherum her professioneller abliefen (obgleich in Kifissia eine gewisse Person ihre falsche Klarinette dabei hatte und während eines Stückes souverän, aber umso lauter über den Parkettboden lief, um die richtige zu holen). Weitere Konzertorte waren Galaxidi, Selianitika, Rafina und Marathon (hier hatten wir Besuch vom Kulturattaché der Deutschen Botschaft). 

Es bleibt noch zu erwähnen, dass sich laut Hajo Jobs während der gesamten Reise die Qualität des Orchesters stetig erhöhte, sodass jedes Konzert besser wurde als das vorangegangene. 

Wenn man schon mal in Griechenland ist, muss man sich auch mit der antiken Kultur beschäftigen. Aus diesem Anlass besichtigten wir diverse Ausgrabungsstätten. Als erstes stand das Orakel in Delphi auf dem Plan. Eine unterhaltsame Führung zeigte uns die Schatzhäuser dort und natürlich das Apollonheiligtum, welches als Orakel fungierte und so manche historische Entscheidung herbeiführte. 

Als nächstes besuchten wir Olympia. Neben dem Stadion an sich fanden wir eine zum großen Teil noch gut erhaltene Stadt wieder, die uns durch die außerordentlich kompetente Führung detailliert erklärt wurde. Während Delphi das Geisteszentrum war, kann Olympia als Sportzentrum der Antike bezeichnet werden. Hier fanden Wettkämpfe aller Art statt. 1613 Jahre nach den olympischen Spielen der Antike wurde die Tradition durch HKO-Wettkämpfe wiederbelebt. 

Außerdem besuchten wir Epidauros, dessen antikes Theater nicht nur durch die Größe, sondern auch durch einmalige Akustik besticht. 

Die Stadt Mykene war lange Zeit Zentrum Griechenlands. Von hier aus herrschten viele Könige, von welchen Agamemnon wohl der bekannteste ist, da er den Krieg gegen Troja führte. 

Wir konnten ebenfalls ein paar Tage die Stadt Athen genießen (trotz der kaum auszuhaltenden Temperaturen dort). Hier besichtigten wir gemeinsam die Akropolis. Vor allem der berühmte Parthenon sowie der Hephaistostempel waren beeindruckend. Einzelne Gruppen erkundeten noch die Agora, in der Antike der zentrale Platz einer jeden Stadt, und andere Sehenswürdigkeiten. 

Obgleich wir sehr beschäftigt waren, kam die Freizeit nicht zu kurz. In Selianitika befand sich der Strand kaum 10 Meter von unserer Anlage entfernt. So schmal der Strand auch war, umso wärmer und sauberer war das Wasser. Hier verbrachten wir Vormittage, Nachmittage, Abende und Nächte. Wenn wir einen Abend mal nicht am Strand verbrachten, genossen wir einen (oder auch einen zweiten) Cocktail in einer Bar oder trafen uns bei einem Gläschen Wein im Garten der Musen. Wenn wir schon bei der Abendgestaltung sind, darf auch die kleine „Nachtaktion“ nicht fehlen. Von schlimmen Gedanken getrieben verkleidete sich eine kleine Gruppe als Gespenster und weckte die friedlich Schlafenden. Bei denen fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Einige schlossen sich spontan an; andere reagierten böse und schlugen mit Bratpfannen und anderem Geschütz zurück. Am nächsten Morgen schienen einige Leute nicht besonders wach zu sein bei der Probe. 

Ebenfalls nicht vergessen bleibt die Suche in Athen nach der Partymeile. Von der Erwartung getrieben, in Athen einen guten Club zu finden, ließen wir uns mehrmals von Leuten führen, die für uns angeblich genau das Richtige parat hatten. Nach mehreren Anläufen und einem nächtlichen Marsch quer durch ganz Athen gaben wir schließlich auf. 

Die Rückfahrt war vergleichbar mit der Hinfahrt, nur dass wir einen Zwischenstopp in Bologna machten, um „das leckerste Eis Italiens“ zu essen. Insgesamt waren drei Wochen Griechenland ein wirkliches Highlight im HKO-Jahr 06. Wir haben viel gesehen, viel erlebt, viel musiziert und zusammen sehr viel Spaß gehabt. Hoffen wir, dass die nächste Reise ähnlich schön wird. 

Malte Göttsche 

 

Ein Konzert in etwas anderer Atmosphäre

Zwei Tage vor Abreise hatte ich etwas Angst, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, mich für die HKO-Griechenlandreise anzumelden. Doch wären wir nicht mit Burmeisters Hochofen (wie wir unseren Bus ohne Klimaanlage nannten) gefahren, wäre die Fahrt perfekt gewesen: tolle Unterkunft, supernette Leute, interessante Sehenswürdigkeiten, konzentrierte Proben, schöne Konzerte und trotz der Hitze eine klasse Stimmung. 

Besonders toll war das Konzert in Peristera. Damit sich der lange Weg zu dem in den Bergen ge­legenen Dorf lohnte, hielten wir nach unzähligen Serpentinen und damit verbundenen Schreckens­momenten an einem großen See. Die Badestelle war bald gefunden und alle wun­der­ten sich über das Süßwasser, denn wir hatten uns schon an den extrem hohen Salzgehalt des Mittelmeeres gewöhnt. Hajo hatte Wassermelonen, Schafskäse und Sesamstangen gekauft, sodass wir uns für die Weiterfahrt stärken konnten. 

In Peristera angekommen fragten wir uns, ob sich jemals ein Bewohner ins Tal gewagt habe, und nachdem mich zwei ältere Herren angelächelt hatten und beiden je ein Schneidezahn fehlte, war ich mir sicher, dass ihnen der Weg zum Zahnarzt zu weit gewesen war.

Wir aßen in einem Restaurant, in dem wir wegen der Kohlensäure heiß begehrte Cola bekamen. Danach zogen wir uns um, bauten unsere Stühle und Notenständer auf und, nachdem Andreas Drekis eine kleine Rede vor unerwartet großem Publikum gehalten hatte, begann das Norddeutsche Flötenensemble zu spielen. Diese Flötengruppe aus Kiel begleitete uns während der ganzen Reise und gestaltete die Konzerte mit. 

So lange wir auf unseren Auftritt warteten, lauschten wir der Flötenmusik und beobachteten einen Koch, wie er recht unappetitlich ein Spanferkel zerlegte. Zur Peer-Gynt-Suite und Tico-Tico sauste das große Fleischermesser und werkelte die Drahtzange. Während wir spielten wurde das nächste Ferkel für den Grill vorbereitet. Doch wir hatten andere Sorgen. Es war dunkel geworden und nachdem die 11 Flöten teilweise ohne Licht spielen mussten, bauten wir unsere großen Scheinwerfer auf, die wir in einer schweren Kiste von Konzertort zu Konzertort schleppten. Das helle Licht hatte zur Folge, dass sich unzählige geflügelte Ameisen auf die Noten und auf unsere Arme verirrten. Man musste manchmal sogar das eigene Spiel unterbrechen, weil ein Insekt beharrlich am Bein kitzelte oder in den Ausschnitt gefallen war. Das Publikum war trotzdem hellauf begeistert und es machte riesigen Spaß für es zu spielen, weshalb wir Hajo auch um eine zweite Zugabe baten. 

Die Begeisterung und Lebensfreude der Dorfbewohner zeigte sich nicht nur in der Menge an Applaus und an der Anzahl der CDs, die sie kauften, sondern besonders darin, dass sie uns nach dem Konzert den griechischen Volkstanz Sirtaki beibrachten und so fiel es nicht leicht, wieder in den Bus zu steigen und nach Selianitika zurück zu fahren. Wir wären gerne länger geblieben. 

Imke Bischoff